«Man fragt sich schon, ob wir auch Teil der Stadt Bern sind»

Was der Stadt Probleme bereitet, wird in den Westen abgeschoben – im Vorfeld der Abstimmung zur Hüttendorfzone in Riedbach wird der alte Vorwurf wieder laut. Stimmt dieser Vorwurf?

Berns Westen beschwert sich oft. Sei es die Ansiedlung von Fahrenden, der geplante Umzug der Recyclingfirma Resag oder die schwache Vertretung im Stadtrat – immer wieder sehen sich Vertreterinnen und Vertreter des Stadtteils 6 Bümpliz-Oberbottigen gegenüber der restlichen Stadt benachteiligt. Aktuellstes Beispiel: die Abstimmung über die geplante Hüttendorfzone in Riedbach vom kommenden Wochenende. «Wir sind dagegen, dass wieder Bern-West unter der geplanten Verslumung leiden muss», sagte CVP-Stadtrat Michael Daphinoff im Juni gegenüber dieser Zeitung. Die Botschaft war klar: Schon wieder wir, schon wieder der Westen.

Ist das die Wahrnehmung eines einzelnen Politikers oder doch ein roter Faden, der sich durch die Berner Politik zieht?

Heikle Projekte im Westen

Thomas Fuchs, Grossrat aus Bümpliz, muss bei dieser Frage nicht lange überlegen: «Seit ich vor fast 20 Jahren Stadtrat geworden bin, wurde der Westen benachteiligt», sagt der SVP-Politiker. Er habe immer den Eindruck gehabt, dass die anderen Quartiere stärker seien, dass sie die heiklen Projekte lieber im Westen ansiedelten.

Fuchs erwähnt die Resag, die nach Buech bei Oberbottigen umziehen soll. Er spricht die Fahrenden an, die vom Weyermannshaus nach Buech umgesiedelt wurden. Und er stört sich daran, dass die Stadt über Projekte in und um Bümpliz nur mangelhaft und oft spät informiert. «Lange Zeit hat man wohl das Gefühl gehabt, dass hier nur ein paar Bauern leben, dass der Widerstand nicht so gross ist», sagt der Grossrat. So schlecht wie früher sei die Lobby des Westens aber nicht mehr, findet er: «Wir haben einiges an Kampferfahrung.»

«Sehr viel profitiert»

Deutlich positiver beurteilt Hans Stucki die Entwicklung von Bümpliz. Der Geschäftsführer der Stiftung B, die soziokulturelle Projekte im Stadtteil VI fördert, will die These nicht bestätigen, dass der Westen generell benachteiligt wird. «Wir haben in den letzten Jahren sehr stark von der Stadtentwicklung profitiert», sagt Stucki, der 20 Jahre lang Geschäftsführer der Quartierkommission Bümpliz-Bethlehem war.

«Der Stadtteil ist sehr gut erschlossen, das Westside ist attraktiv, und die Hochschule der Künste tut viel für das Quartier», resümiert er. Dass der Westen im Parlament schlecht vertreten sei, hänge nun mal mit dem Wahlsystem zusammen, das nur einen Wahlkreis kenne. «Wir vertreten ein Viertel der Berner Wohnbevölkerung, haben aber ganz sicher nicht ein Viertel der Parlamentarier.»

Historisch im Abseits

Bernardo Albisetti beklagt zudem, dass der Kontakt zu den politischen Vertretern zu wenig eng sei. «Auch in aufgeschlossenen Kreisen gibt es immer noch zu viele negative Vorurteile unserem Stadtteil gegenüber», so der heutige Präsident der Quartierkommission. Das habe sicher auch mit der historischen Entwicklung zu tun, schliesslich sei die Gemeinde Bümpliz 1919 wegen ihrer misslichen finanziellen Situation eingemeindet worden. Es habe immer viele Arbeiter gehabt im Westen – eine Tendenz, die mit dem späteren Siedlungsbau noch verstärkt wurde.

«Von wenigen Ausnahmen abgesehen, kennt das politische Establishment den Westen nicht», sagt Albisetti. Wenn man noch nie in Riedbach war, sei es einfach zu sagen, das gehe dort schon mit der Hüttendorfzone.

Wo liegt der Graben?

Dieser Einschätzung schliesst sich einer an, der ganz nahe am Geschehen ist: Urs Ziehli, Stadtrat der BDP, wohnt in Blicknähe der geplanten Hüttendorfzone in Riedbach. Anders als Albisetti, der die Solidarität zwischen ländlichen und städtischen Quartieren im Westen betont, besteht der Landwirt auf eine Differenzierung zwischen Bümpliz-Bethlehem und den Gebieten weiter westlich. «Zwischen Bern und Bümpliz besteht keine grosse Differenz mehr», sagt Ziehli. Während die Bümplizer Fuchs und Albisetti von einem Graben des Unverständnisses zwischen der Stadt und ihrem Westen sprechen, der ungefähr auf der Höhe des Bahnhofs Ausserholligen verlaufe, ortet Ziehli die Grenze weiter aussen. «Die Aufwertung des Westens hört dort auf, wo die Tramlinie endet», stellt er klar.

Ihm bereite das ländliche Gebiet um Oberbottigen viel grössere Sorgen. Hier habe man bereits die Fahrenden platziert, jetzt sollen die Hüttendorfzone und die Resag folgen. «Wir sind zwar Teil der Gemeinde Bern», so Ziehli. «Aber man fragt sich halt schon, ob wir auch Teil der Stadt sind.»

Quelle: Christian Zeier, Berner Zeitung

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