Gerüchte machen auch vor Friedhöfen nicht halt

Die Verwaltung des Friedhofs Bümpliz entsorgt die Laternen der Angehörigen. Diese Meldung stimmt nicht – verbreitete sich aber in Windeseile im Internet. Die Chronologie eines Shitstorms.

Friedhöfe sind Orte der Ruhe und Besinnung. Was sich in den vergangenen 24 Stunden rund um den Friedhof Bümpliz abspielte, gleicht aber mehr einem Sturm – einem Sturm der Entrüstung.

Alles begann mit einem Schreiben der Verwaltung des Friedhofs Bümpliz. Seit 30 Jahren gibt es dort ein anonymes Gemeinschaftsgrab. Aber dieses ist nun voll. Darum liess die Verwaltung ein neues Gemeinschaftsgrab ausheben. Und weil die Individualisierung der Gesellschaft auch vor Bümpliz nicht haltgemacht hat, kam der Verwaltung eine Idee.

Sie beschloss, beim neuen Grab die Namen der Verstorbenen zu nennen, sofern die Angehörigen dies wünschen. Und weil viele Hinterbliebene diesen Wunsch auch für das alte Gemeinschaftsgrab geäussert hatten, wollte die Verwaltung auch dort die Namen der Verstorbenen auf einer Metallstele eingravieren lassen.

So etwa lautete der Brief, der an die Hinterbliebenen verschickt wurde – und das Missverständnis nahm seinen Lauf. Dazu muss man wissen: Über die Jahre ist beim alten Gemeinschaftsgrab ein Laternenwald entstanden. Weil das Grab anonym war, benutzten die Angehörigen die Laternen als individuelle Namensnennung. Die Lichter, die dort zu Dutzenden stehen, geniessen Kultstatus unter den Angehörigen.

Entsprechend verunsichert waren diese, als sie Post vom Friedhof erhielten. Zwar stand dies nirgends geschrieben, aber für viele Hinterbliebene war klar: ihre Laternen werden weggeräumt und durch eine Namenstafel ersetzt.

Schlagartig formierte sich Widerstand: Auf Facebook entstand eine Gruppe, der im Minutentakt immer mehr Leute beitraten. Ihr Ziel: die vermeintliche Räumung der Laternen verhindern. Geschichten machten die Runde, man suchte nach einem Sündenbock. Jemand habe einen Beschwerdebrief an die Friedhofsverwaltung geschrieben. Diese Person bezeichne die Laternen als eine Schande, der Friedhof sehe aus wie ein Trödelmarkt. Die Entrüstung wurde immer grösser. Nach 24 Stunden war die digitale Trauergemeinde auf über 700 Mitglieder angewachsen.

Leute riefen bei der Friedhofsverwaltung an. Ein Lobbyist versprach, Politiker für das Anliegen zu gewinnen. Prompt traten SVP-Grossrat Thomas Fuchs und SVP-Stadtrat Simon Glauser der Gruppe bei. Telefonate mit der zuständigen Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün wurden geführt. Kurz: Ein sogenannter Shitstorm war ausgebrochen.

Keine angenehme Entwicklung für die Stadt Bern. Jemand musste schleunigst das Missverständnis aufklären. Nur hatte die Stadt ein Problem: Walter Glauser, der Mann, der am besten über Berner Friedhöfe Bescheid weiss, hat kein Profil auf Facebook. Und nur auf diese Weise konnten alle 700 Mitglieder der Gruppe auf einmal informiert werden.

An seiner Stelle nahm sich Simon Küffer, der stellvertretende Generalsekretär der Direktion für Tiefbau, Verkehr und Stadtgrün, der Facebook-Gruppe an: «Stadtgrün Bern hatte nie die Absicht, die bestehenden Laternen beim Gemeinschaftsgrab auf dem Friedhof Bümpliz zu entfernen», lautete seine Botschaft an die Gruppe. Die Mitteilung erfüllte den Zweck: 24 Stunden nachdem der Sturm der Entrüstung entbrannte, kam er zum Erliegen.

«So etwas habe ich bis jetzt noch nie erlebt», sagt Walter Glauser, Bereichsleiter Friedhöfe bei der Stadt Bern. Wenn sich jemand beschweren wolle, komme diese Person normalerweise auf ihn zu. Dass sich die Diskussion nun im Internet abgespielt hat, habe ihn überrascht und hätte er sich nie gedacht, sagt der Mann, der selber kein Facebook nutzt.

Glauser erstaunt es aber nicht, dass viele Emotionen im Spiel waren: «Wenn es um den Tod geht, gehen die Gemüter hoch.» Aus dem Missverständnis und der daraus entstandenen 24-stündigen Aufregung kann er aber auch Positives gewinnen: «Es freut mich, dass der Friedhof wahrgenommen wird und dass den Leuten das Trauern etwas bedeutet», sagt er.

Übrigens: Einen Beschwerdebrief gab es nicht, es war lediglich ein handschriftliches Feedback. «Aber nichts Offizielles», wie Glauser sagt. Mittlerweile ist auf dem Friedhof Bümpliz wieder Ruhe eingekehrt. Die Gemüter der Hinterbliebenen haben sich beruhigt, die Stadt Bern hat den Shitstorm überstanden, und Walter Glauser überlegt sich, bald Facebook beizutreten.

Quelle: Tobias Marti, Berner Zeitung

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